Innovation ist ein Teamspiel – im Interview mit Helmut Schönenberger

In unserem neuen Interview durften wir mit Prof. Dr. Helmut Schönenberger sprechen. Er ist „Vice President Entrepreneurship“ an der Technischen Universität München und ein echter Meinungsgeber in den Bereichen Startups, Ökosysteme und Innovation. Wir bedanken uns für die zukunftsweisenden Worte, die sich auch in der Vision und Philosophie von Campus Founders wiederfinden und wünschen viel Inspiration beim Lesen.

Wie steht es aus Ihrer Sicht um die Startup-Szene in Deutschland, wenn Sie auf das letzte Jahr zurückblicken? 

Das vergangene Jahr war trotz Corona nicht nur krisengeprägt, sondern auch spannend und chancenreich für die Startup-Szene. Etliche Startups haben sogar von Veränderungen in der Krise profitiert. Das Thema Digitalisierung hat einen unglaublichen Schwung bekommen. 

Unser Venture-Capital-Arm UVC Partners hat zum Beispiel in GNA Biosolutions investiert. Das ist eine PCR-Sensor-Firma, die eigentlich Schnelltests für multiresistente Keime und andere Krankheitserreger gebaut hat. Durch die Pandemie hat GNA innerhalb weniger Monate eine Corona-PCR-Testlösung entwickelt und konnte so weiterwachsen. Das ist nur ein Beispiel, bei dem Startups akute Probleme gelöst und so ihr eigenes Wachstum beschleunigt haben. 

Das zweite Positive ist, dass trotz Corona die Finanzierungsrunden weiterhin sehr stark waren. Allein unsere Startups haben 2020 eine Milliarde US-Dollar an Risikokapital eingesammelt.

Bleiben auch negative Erinnerungen?

Es hat alle viel Kraft gekostet, die zusätzlichen Aufgaben, wie Hygienemaßnahmen und Homeoffice, zu organisieren. Aber insgesamt, zumindest in meinem Umfeld, haben alle Startups den Wechsel gut hinbekommen und die Herausforderung als Chance genutzt. Die Szene hat verstanden, dass man solche Herausforderungen lösungsorientiert angehen und nach vorne schauen muss.

Schwierig war, dass in einigen Industrien, wie beispielsweise der Automotive Branche, massiv der Rotstift angesetzt wurde. Wenn es auf der Kundenseite schlecht aussieht, ist es für B2B-Startups schwer, Vertragsabschlüsse hinzubekommen. Es ist erstaunlich, aber in unserem Gesamtportfolio gab es glücklicherweise keine Kollateralschäden – kein einziges Startup in unserem Umfeld ist aktuell in massiven Schwierigkeiten.

UVC Partners hat gemeinsam mit UnternehmerTUM den Venture Capital 3.0 Fonds gestartet. Wie läuft die Kooperation und wie profitieren B2B-Unternehmen davon, fernab des Kapitals? 

Das Besondere ist, dass wir ein operativ sehr starkes Netzwerk mit rund 1000 Partnerorganisationen haben. Wir sind eng mit mittelständischen und großen Unternehmen verdrahtet. Auch auf der staatlichen Seite haben wir Partner*innen wie zum Beispiel Städte und Kommunen, Ministerien und staatliche Agenturen.

Wir arbeiten mit allen direkt im Tagesgeschäft zusammen. Dieses reale Netzwerk öffnen wir unseren Startups und agieren dadurch sehr pragmatisch. Doch wir sind nicht nur Türöffner. Manche Kooperationspartner*innen bieten Experimentierplattformen, wodurch Projekte angestoßen und ausprobiert werden können.

Durch das effiziente Verknüpfen unserer Startups untereinander und mit Partner*innen, sind alle in der Lage, ihr Handeln und Denken schneller in ihren Geschäftsalltag zu integrieren, als das bei anderen Netzwerken der Fall ist.

In den letzten Jahren lag der Fokus eher auf B2C-Unternehmen. Warum fokussiert sich UnternehmerTUM auf den B2B-Sektor? 

B2B ist unsere Stärke. Es ist eine Kompetenz, die wir als An-Institut der TU München über 20 Jahre lang aufgebaut haben und jetzt sehr gut nutzen können. In den letzten fünf Jahre haben sich viele der skalierbaren Geschäftsmodelle von B2C- hin zu B2B-Modellen verschoben. Dort herrscht Aufbruchstimmung. Das ist positiv für uns und gibt uns Rückenwind.

Wenn man sich die Geschäftsmodelle unserer Startups anschaut, unterscheiden sie sich massiv von klassischen B2C-Modellen. Es werden hier ein anderes Know-how, andere Tools und andere Leute benötigt, um erfolgreich zu sein. Hinzu kommt, dass unsere Region im B2B-Umfeld stark von mittelständischen und großen Unternehmen geprägt ist. Da unsere Startups diese Firmen als Kunden haben, können sie dieses Marktumfeld für einen sehr guten und schnellen Kundenzugang nutzen. 

Wie innovativ ist der deutsche Mittelstand und wo gibt es Hürden für Kooperation oder den Einzug einer Innovationskultur im deutschen Mittelstand?

Innovationskultur und Offenheit verbessern sich aus meiner Erfahrung rasant. Es gibt unter den deutschen mittelständischen Unternehmen sehr starke Innovationstreiber, die unter der Kategorie “Hidden Champions” laufen und in ihren Feldern Technologie- oder Marktführer sind. Diese Unternehmen sind für uns tolle Verbündete, um ein gemeinsames Innovationscluster auf die nächste Entwicklungsstufe zu heben. Wir profitieren von der Erfahrung des Mittelstandes. Unsere Startups können auf Technologie und Vertriebsressourcen aus deren Netzwerken zurückgreifen. Dadurch ist es möglich, gemeinsam neue Themen schnell und gezielt anzugehen.

Gleichzeitig gibt es im Mittelstand eine große Gruppe, die noch auf die Innovationsreise mitgenommen werden muss. Corona war für viele eine Art Wake-up Call: Mittelständische Unternehmen standen plötzlich vor bislang ungekannten Herausforderungen. Dabei haben viele festgestellt, dass ihre digitale Infrastruktur und ihre Kompetenzen für neue Arbeitsformen nicht ausreichen und sie weitere digitale Kompetenzen ins Team holen müssen. Wir helfen gezielt dabei, Startups mit diesen Unternehmen zusammenzubringen, um gemeinsam Lösungen zu entwickeln und umzusetzen. Gleichzeitig profitieren die Startups von neuen Kunden und können damit neue Märkte erschließen  – eine Win-win-Situation für beide Seiten.

Der Mittelstand steht vor einer entscheidenden Phase. Den neuen Schwung und die Offenheit für Innovationen, die wir in unserem Land durch das letzte Jahr gewonnen haben, sollten wir nutzen und produktiv umsetzen. 

Startup-Kultur fand bisher vorwiegend in größeren Städten statt. Können die Flächenregionen in Deutschland diesen Schwung auch nutzen?

Das ist aus meiner Sicht sogar entscheidend für den Erfolg unseres Wirtschaftsstandorts. Vorbildlich agieren dabei in meinen Augen beispielsweise die Dieter Schwarz Stiftung und die Campus Founders in Heilbronn. Hier wird das Thema mit einer großen Professionalität in der Region verankert und schnell umgesetzt. Darüber hinaus haben die Initiativen eine nationale und internationale Sichtbarkeit. Das sind im Grunde die idealen Konstellationen: Ein starker Unternehmer und dessen Stiftung, eine Hochschule und ein starkes Entrepreneurship Center bündeln ihre Kräfte. Die Campus Founders teilen diese Stärke mit anderen unternehmergestützten Zentren wie dem Hasso-Plattner-Institut und UnternehmerTUM. Diese unternehmerischen Initiativen hören nicht an der Stadtgrenze von Heilbronn, Potsdam oder München auf, sondern sind stark vernetzt und helfen sich gegenseitig. So baut sich Schritt für Schritt ein flächendeckendes Netzwerk führender Entrepreneurship Centern, unternehmerisch denkenden Universitäten und starken lokalen Startup-Szenen auf. Durch den Rückhalt von etablierten Unternehmen und Mäzenen wie Dieter Schwarz sind sie nachhaltig und international wettbewerbsfähig.

Für welche Werte stehen UnternehmerTUM und andere Gründernetzwerke und warum?

Wir sind alle Überzeugungstäter und stehen für Nachhaltigkeit und Eigeninitiative. Wir denken in skalierbaren Dimensionen und setzen Ideen unternehmerisch um.

Die demografische Entwicklung, die Sicherung der gesellschaftlichen Stabilität und die Lösung unserer großen Umweltthemen werden uns immer mehr beschäftigen. Dazu kommen der ökonomische Aspekt, Wettbewerbsfähigkeit, technische Souveränität und Autonomie  – nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa. Wir sind davon überzeugt, dass wir und die künftigen Generationen diese Herausforderungen meistern wollen und können. Dazu brauchen wir eine lösungsorientierte Gesellschaft und Gründer*innen, die in der Lage sind, diese Probleme zu bewältigen. Wir sehen das konkret bei Startups wie Personio und Isar Aerospace: Unsere Aufgabe als Entrepreneurship Center ist es, optimal zu fördern, damit sie mit ihren Lösungen einen Beitrag für unsere gemeinsame Zukunft leisten können. 

Was macht eine*n richtige*n Unternehmer*in heutzutage aus?

Ich glaube, als Unternehmer*in sieht man nicht einfach nur Chancen, sondern ist auch in der Lage, sie kreativ anzupacken, umzusetzen und zum Erfolg zu führen. Gleichzeitig muss ein*e Unternehmer*in auch bereit sein, Verantwortung auf sich zu nehmen, und es aushalten können, ein enormes Risiko zu tragen. Es ist deshalb wichtig, auf beiden Beinen zu stehen und „robust“ zu sein.

Es gibt eine Vielzahl von unternehmerischen Talenten bei uns, aber letztlich ist es wichtig, diese zusammenzubringen und Teams zu bilden. Innovation ist heute ein Teamspiel. Neben analytischen Fähigkeiten und fachlichen Kompetenzen brauchen die Gründungsteams Offenheit, Kooperationswillen und Führungsfähigkeiten, um eine Firma nicht nur zu konzipieren, sondern auch langfristig aufzubauen.

Warum gibt es so wenig Frauen in der Startup-Szene? Wie können sie unterstützt werden?

Es gibt an den deutschen Unis inzwischen mehr Studentinnen als Studenten. Wenn man sich die Noten anschaut, sind die Studentinnen oft viel besser und haben ihr Studium exzellent im Griff. Ich glaube unsere Verantwortung als Gründungszentrum ist es, auf die Wünsche, Rahmenbedingungen und Fragen der weiblichen Zielgruppe besser einzugehen, diese explizit zu fördern und Schritt für Schritt zum Erfolg zu führen. 

Wir haben tolle Rolemodels wie zum Beispiel Catharina van Delden, die inzwischen eine  der bekanntesten Frauen der deutschen IT-Wirtschaft ist. Es gelingt uns dank ihnen immer besser, eine neue Generation an Unternehmerinnen anzusprechen und fokussiert zu unterstützen. Gerade jetzt haben wir die Chance, die Anzahl an erfolgreichen Gründerinnen erheblich zu skalieren. Es bedarf aber viel Aufmerksamkeit und spezifischer Programme, um das hinzubekommen. 

Wie kann man sich Offenheit für Innovationen bewahren? Und für welche Themen verspüren Sie besondere Begeisterung, vielleicht auch aus eigenem Antrieb?

Für mich ist es ein Geschenk, in meiner Rolle kontinuierlich im Austausch mit spannenden Leuten zu stehen – das ist eine Art Druckbetankung mit Ideen. Meine Aufgabe besteht nicht darin, selbst etwas zu erfinden, sondern spannende Menschen zu identifizieren, sie zu vernetzen und zu unterstützen. Dabei muss ich die Ideen dieser Menschen verstehen und ihnen dabei helfen, erfolgreich auf ihrem unternehmerischen Weg zu sein. 

Als Luft- und Raumfahrtingenieur ist für mich der Bereich Aerospace besonders spannend. Darüber hinaus faszinieren mich Lösungen, die wesentlich zur Nachhaltigkeit beitragen: Die Klimawende ist wahrscheinlich das wichtigste Thema unserer Zeit, auf das wir alle verfügbare Energie verwenden sollten. 

Die Campus Founders setzen sehr früh phasig an und wollen auch junge Menschen ansprechen. Wer sind Vorbilder, an denen sich junge Gründer*innen orientieren können?

Für mich sind die besten Vorbilder diejenigen, die nahbar sind. Ich denke bei unternehmerischen Vorbildern gerne an Gründer*innen wie Daniel Metzler, der Isar Aerospace mitgegründet hat, an Hanno Renner von Personio oder Katharina Kreitz, die vectoflow aufgebaut hat. Diese Menschen sind jung, nehmen an unseren Events und Vorlesungen teil und sind so viel greifbarer für unsere Student*innen als beispielsweise ein Bill Gates.

Es ist toll zu sehen, dass diese Gründer*innen-Generation nicht vergisst, wo sie herkommt. Im Gegenteil: Sie nimmt sich Zeit, um die nächste Generation an der Universität zu unterstützen. Das macht ein gutes Startup-Ökosystem aus.

Prof. Dr. Helmut Schönenberger

Vielversprechende Start-ups zum Erfolg führen, Menschen für Innovation und Unternehmertum begeistern – das ist die Leidenschaft von Prof. Dr. Helmut Schönenberger, Mitbegründer und Geschäftsführer der UnternehmerTUM GmbH. Als Luft- und Raumfahrtingenieur und Investor verfolgt er das Ziel, skalierbare Hightech-Start-ups, Gründer und Wissenschaftler von der ersten Idee bis zum erfolgreichen Produkt zu unterstützen.

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