Thomas Oehl: “Wir als Europa brauchen wirtschaftliche Souveränität!”

Regelmäßig führen wir Interviews mit Experten, Insidern und Meinungsbildnern aus der Startup-Szene, um ihre persönliche Perspektive zu Themen wie Gründer-Mindset, Startup-Ökosystemen aus unterschiedlichen Perspektiven einzuholen.

Dieses Mal mit Thomas Oehl, Founding Partner bei Vsquared Ventures. Sie unterstützen ehrgeizige Gründer und Startups, die Spitzentechnologie anwenden, um die Art und Weise, wie man Geschäfte macht, in Frage zu stellen und neu zu erfinden. Ihre Überzeugung, dass hervorragende Technik und radikales unternehmerisches Denken erforderlich sind, um die großen Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte zu meistern.


Lieber Tommy, verrat uns doch mal aus VC-Sicht welche Bedeutung “Corona” für die Startupwelt hat?

Tommy: Auf der einen Seite ist es die größte Herausforderung, aber auch die größte Chance. Die COVID-Pandemie hat viele Transformations-Prozesse in der Wirtschaft und bei Unternehmen beschleunigt und bewiesen, dass vieles geht, was vorher schwierig gewesen ist. Dennoch hat “Corona” gezeigt: Wir als Europa brauchen wirtschaftliche Souveränität. Dass wir “remote” arbeiten konnten lag in den seltensten Fällen an deutschen Unternehmen, sondern an Playern wie Google, Microsoft oder Zoom… Wir müssen wieder dahin kommen uns mit neuen Technologien unsere Unabhängigkeit zurückzuholen bzw. zu bewahren – das gilt für alle Bereiche, hier können Startups enorm viel leisten. 

Und wie ist es Euch selbst ergangen mit Euren Fonds?

Tommy: Wir haben das Glück, dass wir schon mit unseren ersten Fonds ausschließlich in B2B-Tech und Deep Tech investiert haben, welche sich als recht krisenresistent behaupten. Teilweise, weil sie digitale Infrastruktur darstellen und gerade jetzt dazu beitragen, dass es weiterläuft oder weil sie stark entwicklungslastig sind und damit unabhängiger vom aktuellen Marktgeschehen.

Blicken wir in die Zukunft. Welche Trends werden sich in den nächsten Monaten und Jahren durchsetzen?

Tommy: Dezentralisierung, Automatisierung und alles was durch digitale Infrastruktur Effizienz und Transparenz schafft… und das Ganze am besten von überall und kollaborativ! Das sind erstmal “Buzzwords”, entscheidend sind “echte” Technologien, die nicht nur die größten existierenden Probleme angehen und lösen können, sondern “echte” Innovation darstellen und auch dazu beitragen, dass wir unsere wirtschaftliche Souveränität sichern, bzw. zurückholen. Auf Dauer können wir uns nicht nur auf den bestehenden Mittelstand und die Automobilindustrie verlassen, sondern zusätzlich das Fundament durch Neues stabilisieren. Wie gesagt: Es ist schmerzhaft zu sehen, das es fast ausschließlich US-Unternehmen waren, die uns durch Videokonferenz und Co. zu Hause haben produktiv sein lassen.

Welche Rolle können aus Deiner Sicht Innovations- und Mindset-Schmieden wie die Campus Founders in Heilbronn einnehmen?

Tommy: Menschen die Möglichkeit geben vor Ort etwas wirklich Großes und Nachhaltiges zu schaffen ist ein großartiger Ansatz, eine tolle Chance sich auszuprobieren. Dass die Campus Founders direkt am Mindset ansetzen, könnte der richtige Weg sein! Wenn es noch geschafft wird Menschen und Unternehmer-Talente, die den unbedingten Willen haben, zu unterstützen und diese durch die Campus Founders noch schneller zu machen, Fehler früh genug zu machen oder zu vermeiden, ist das super für alle. Ich glaube aber, dass wirkliche Unternehmer immer einen Weg finden, ganz unabhängig von Acceleratoren, Inkubatoren oder Hubs. Dennoch: Menschen frühzeitig für das Unternehmertum zu begeistern und einen Mindset-Aufbruch zu schaffen, das ist genau der richtige Weg, den die Campus Founders eingeschlagen haben. 

Teamfoto Vsquared Ventures von links nach rechts: Thomas Oehl, Herbert Mangesius, Benedikt von Schoeler und Patrick Tucci.

Wie meinst Du das?

Tommy: Eine zentrale Aufgabe bei uns, bei Vsquared Ventures, ist es lokale Ökosysteme zu pushen, da Zugang zu interdisziplinären Wissen neben Kapital immer schon ein wichtiger Baustein für Erfolg war. Wenn es die Region schafft, das geballte Wissen der erfolgreichen und tradierten Unternehmer zugänglich zu machen, wird das sehr interessant für Gründer, aber auch insgesamt als wirtschaftlicher Treiber.  

Zurück zu Dir: Deine Familie hat in Künzelsau nach dem Krieg ihr Unternehmen gegründet. Wie siehst Du die Region dort für die digitale Zukunft gerüstet?

Tommy: Ich war zwar vor kurzen Mal wieder da, aber nicht lange und oft genug, um das fundiert beurteilen zu können. Der Effekt von sehr erfolgreichen Regionen mit vielen Weltmarktführern ist häufig, dass nicht so viele Neugründungen entstehen. Die Menschen haben sehr gute und sichere Arbeitsplätze, das Talent wird oft direkt in den etablierten Unternehmen gebunden und ein “Digitalisierungsdruck” ist wenig spürbar. Aber auch die etablierten Unternehmen müssen verstehen, dass es nicht einfach weiterlaufen wird, die Welt ist in einem fundamentalen Wandel. Neben der Sicherung der bestehenden Unternehmen kann für unsere Wirtschaft und Gesellschaft nur gewonnen werden, wenn man bereit ist alles Neue zuzulassen. Egal ob Idee, Innovation oder Technologie – ich finde, dass die “Großen” zu wenig auf externe Innovation setzen. In der Vergangenheit war es oft der entscheidende Wettbewerbsvorteil es selbst besser zu machen, heute ist das in vielen Bereichen anders.

Was muss passieren, dass Du in der Heimat investierst bzw. nach welchen Kriterien würdest Du es tun?

Tommy: Klar würde ich das machen, aber heute ist es egal wo eine Firma ist – und es wird durch COVID noch “egaler” – das Team, das Produkt oder der Service und in unserem Fall die Technologie müssen für uns das Potenzial haben alles zu verändern, bzw. es überall auf der Welt zu machen. Es kann ja sogar ein enormer Vorteil sein in der Region zu sitzen. Es gibt ja sehr unterschiedliche Unternehmen rund um Heilbronn, die als Kunden, Entwicklungspartner und vielleicht auch als potentielle Käufer in Frage kommen. Man sollte sich in seinem Denken aber nicht geographisch einschränken. Ich finde das Zitat von Sam Altman (Ex-Präsident von Y Combinator) passend: There will be no „next Silicon Valley“, there will be 30!

Welche Tipps kannst Du Startups geben, die die “Welt besser machen“ wollen und nicht nur vom Unicorn träumen?

Tommy: Wir als Team glauben fest daran, dass wir nur durch Technologien die größten Probleme, egal ob wirtschaftlicher, ökologischer oder gesellschaftlicher Natur, lösen werden. Klar müssen wir alle umdenken, aber der Mensch verhält sich im Schwarm leider weniger intelligent als andere Spezien und wir sollten uns nicht alleine auf die Vernunft der Menschen verlassen. Dafür fehlt uns die Zeit. Ich würde mir also ein großes Problem aussuchen und dies wirklich lösen! Wenn man das schafft, wird es auch was wert sein und wirtschaftlichen Erfolg bringen. Oder man geht einen anderen Weg: Ich baue eine Lösung für einen wirklich großen Markt (oder erschaffe einen gänzlich neuen Markt), baue eine große Firma auf und widme mich dem „Welt verbessern“, wenn ich das durch große eigene finanzielle Möglichkeiten und Aufmerksamkeit mit viel Nachdruck tun kann.

Hat sich das Mindset bei Gründer*innen verändert in den letzten Jahren?

Tommy: Ich denke ja! Es gibt mehr echte Unternehmer, weniger Lebenslaufgründer. Spaß bei Seite. Erfreulicherweise kommen eben auch Wissenschaftler, Ingenieure und „Techies“ immer stärker als Gründer hervor, das möchten wir noch weiter pushen und sehen in den Universitäten und ihren Studierenden noch unheimlich viel Potential.


Vielen Dank an Thomas Oehl für das Interview. Wir verstehen uns die Mindsetschmiede für ambitionierte, gross-denkende Gründungsinteressierte und Startup-Founder und als „Feeder“ (in Anlehnung an Startup Communities von Brad Feld) unseres Startup-Ökosystems. Umso mehr freut uns das gleiche Mindset eines VC Investors wie von Thommy in dieser Hinsicht.

Interessiert Dich hierzu die Sichtweise von Frank Thelen? Hier der Link zu seinem Exklusiv-Interview für Campus Founders.

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