Sarna Röser im Interview über die Zukunft des Unternehmertums

“Jeder Mensch kann unternehmerisches Denken und Handeln lernen!” Unter dieses Motto fällt unser aktuelles Interview mit Sarna Röser. Regelmäßig sprechen wir mit Experten über Entrepreneurship, die Startups-Szene und Innovatives aus aller Welt. Spannend? Dann ist das folgende Interview genau richtig.

Sarna Röser ist designierte Nachfolgerin ihres Vaters Jürgen Röser, der im 1923 gegründeten Familienunternehmen Zementrohr- und Betonwerke Karl Röser & Sohn GmbH in Mundelsheim Geschäftsführender Gesellschafter ist. Sie ist u.a. Mitglied der Geschäftsleitung der Röser FAM GmbH & Co. KG, ein zum Familienverbund gehörendes Unternehmen. Seit 2018 ist sie zudem Bundesvorsitzende des Verbands DIE JUNGEN UNTERNEHMER von DIE FAMILIENUNTERNEHMER e.V. Seit Juli 2020 sitzt sie im Aufsichtsrat der Fielmann AG. Als Stimme des jungen Unternehmertums vertritt Sarna Röser die Interessen von über 1.500 jungen Familien- und Eigentümerunternehmer in Deutschland. Der Verband begeht 2020 sein 70-jähriges Jubiläum unter dem Motto ‚jung und mutig‘.

Liebe Sarna, du siehst Dich selbst als leidenschaftliche Unternehmerin. Was bedeutet das für Dich konkret?

Sarna: Unternehmertum steckt einfach in meiner DNA. Unser Familienunternehmen besteht nun seit fast 100 Jahren. Aufgebaut von meinem Urgroßvater. Mein Vater Jürgen Röser leitet unser Unternehmen mittlerweile in der dritten Generation und ich werde die vierte Generation sein. Unternehmertum bedeutet für mich Verantwortung und Freiheit. Verantwortung zu übernehmen für das Unternehmen und für die Mitarbeiter, aber auch die Freiheit zu haben, zu gestalten und Dinge auch mal anders anzugehen als die Vorgängergeneration. Daneben bringe ich Unternehmertum unmittelbar mit Mut in Verbindung: Was Neues ausprobieren, auch mal ins Risiko gehen oder Altbewährtes neu denken. Egal ob Gründung oder Unternehmensnachfolge – Unternehmertum ist herausfordernd, aber es lohnt sich! 

Glaubst Du, dass jeder Mensch lernen kann unternehmerisch zu denken und zu handeln?

Sarna: Absolut, jeder Mensch kann unternehmerisches Denken und Handeln lernen. Das Problem ist jedoch, dass die Mädchen und Jungs heute erst viel zu spät oder gar nicht mit Unternehmertum und wirtschaftlichen Themen in Berührung kommen. Es gibt zwar an manchen Schulen das Fach Wirtschaft, aber das ist noch viel zu wenig. Es geht darum, jungen Menschen unternehmerisches Denken und Handeln beizubringen und sie so besser auf die Zukunft vorzubereiten. Deshalb setze ich mich als Bundesvorsitzende des Verbands DIE JUNGEN UNTERNEHMER dafür ein, junge Menschen für das Unternehmertum zu begeistern. Dass ihnen schon möglichst früh das Rüstzeug mit auf den Weg gegeben wird was sie zum Aufbau eines eigenen Startups brauchen. Alle Mädchen und Jungs, egal mit welchem familiären Hintergrund, sollten die Chance bekommen Wirtschaft und Unternehmertum näher kennenzulernen. Und daher setze ich mich auch für ein flächendeckendes Schulfach Wirtschaft ein. Damit Schülerinnen und Schüler merken, dass Wirtschaft Spaß macht und „Unternehmer-sein“ eine echte Option ist. 

Die Campus Founders in Heilbronn sehen sich als Mindset-Schmiede für Gründer*innen und Innovator*innen und agieren aus einer der wirtschaftlich stärksten Regionen Deutschlands heraus. Welche Potentiale siehst du in der Region, wie kann dort ein gesundes Startup-Ecosystem entstehen?

Sarna: Initiativen und Startup Hubs wie die Campus Founders leisten einen erheblichen Beitrag, um den Gründungsstandort als auch den gesamten Wirtschaftsraum in der Region Heilbronn zu stärken. Daneben ist die Nähe zu Städten wie Mannheim und Stuttgart vorteilhaft. Auch die Plattform StartupCity Heilbronn ist wichtig, denn sie unterstützt Gründer und Startups im Wirtschaftsraum Heilbronn. Beratungs- und Vernetzungsmöglichkeiten sind unabdingbar, wenn ein gesundes Startup-Ecosystem aufgebaut werden soll. Das zeigt auch mein Engagement im Verband der Jungen Unternehmer: Wir unterstützen uns gegenseitig, stehen uns beratend zur Seite, lernen voneinander und setzen auf digitale und analoge Veranstaltungsformate. Für die Förderung von Entrepreneurship und Innovation sind Zentren wie die Campus Founders unerlässlich. Gleichgesinnte und Interessierte sind unter sich und pushen sich gegenseitig. Ein gesundes Startup-Ecosystem kann aber auch nur dann entstehen, wenn die richtige innere Einstellung bei Mitstreitern gegeben ist. Um den Geist des Unternehmertums bei jungen Menschen zu stärken, sind Entmutigungen von außen und geringe Risikobereitschaft pures Gift.

Glaubst Du, dass der “Unternehmergeist” in Deutschland gegen einen “Bewahrergeist” eingetauscht worden ist? 

Sarna: Studien zeigen, dass tatsächlich solche Tendenzen bestehen. Ein Drittel der Studierenden sehen ihre berufliche Zukunft im öffentlichen Dienst. Fakt ist, dass der Unternehmer- und Gründergeist in Deutschland schwindet. Klar ausgedrückt: Das Unternehmertum als Berufs- oder Karriereziel findet keine Erwähnung. Das ist erschreckend. Die Frage ist „Warum“? Meiner Meinung nach liegt der Hauptgrund in der geringen gesellschaftlichen Akzeptanz von Unternehmerinnen und Unternehmern. Meistens reagieren wir auf Unternehmer eher mit Missgunst und Neid anstatt mit Wertschätzung und Bewunderung. Wenn Unternehmer scheitern, dann fühlen wir uns meistens bestätigt, dass ins Risiko zu gehen eher dumm ist als mutig. Aus diesem Grund müssen wir früh anfangen, etwas zu ändern – und das beginnt in den Schulen. Hier sollten wir Unternehmertum greifbar und erlebbar machen.  Wir sollten junge Menschen für das Unternehmertum in Deutschland begeistern. Denn diese jungen und mutigen Leute mit all ihren unternehmerischen Ideen sind die Lebensversicherung Deutschlands! Deshalb ist es auch von großer Bedeutung, bereits während der schulischen Ausbildung verstärkt den Fokus auf wirtschaftliche Themen zu legen. Sendungen wie „Die Höhle der Löwen“ oder „Das Ding des Jahres“, haben es geschafft das Unternehmertum bis in die Wohnzimmer zu katapultieren. Doch wir müssen noch mehr tun, damit die Gründungsaktivität in Deutschland steigt. Laut des KfW-Gründungsmonitor 2019, der sich jährlich seit 2000 mit der Gründungsaktivität in Deutschland befasst, ist die Gründungsquote seither deutlich zurückgegangen. Zwar hat sich die Zahl in 2018 leicht stabilisiert. Die zukünftige Entwicklung bleibt jedoch abzuwarten. Für die Zukunft wünsche ich mir definitiv mehr Unternehmergeist!

Sarna Röser, Copyright: Anne Großmann Fotografie

Wie viel Potential siehst Du in der Zusammenarbeit zwischen Mittelstand und Startup beim endgültigen digitalen Aufbruch?

Sarna: Durch Kooperationen kann großartiges entstehen. Etablierte Unternehmen können vor allem durch die enorme Innovationskraft, insbesondere bei der Digitalisierung, von Startups profitieren. Sie bringen neue Produkte auf den Markt, bedienen neue Kundenbedürfnisse, schaffen Arbeitsplätze und setzen Impulse. Der altbewährte Mittelstand als Motor der deutschen Wirtschaft ist aber genauso wichtig. Denn diese Unternehmen besitzen Erfahrung und Expertise, denen sie den jungen Unternehmen voraus sind. Viele etablierten Unternehmen holen sich Startups ins Haus, weil sie deren Innovationskraft schätzen und viel Positives abgewinnen können. Kurz gesagt: Beide Seiten können etwas von einer Zusammenarbeit abgewinnen, wenn sich sich aufeinander einlassen.

Campus Founders CEO Oliver Hanisch ist nach 14 Jahren Silicon Valley extra für dieses Projekt nach Heilbronn gekommen. Wie weit siehst Du Die USA, insbesondere das Valley, vor Deutschland & Europa? Wie können wir das „digital race“ noch gewinnen?

Sarna: Wenn wir die vier Tech Riesen – Google, Amazon, Apple und Microsoft – betrachten, müssen wir uns einfach eingestehen: Das erste Rennen haben wir verloren. Punkt. Und das werden wir auch nicht mehr aufholen. Das haben wir verschlafen. Doch wir haben alle Chancen, das zweite Rennen – nämlich um die Digitalisierung der industriellen Wertschöpfungsketten – für uns zu entscheiden. Deutsche Unternehmen haben eine große Expertise in Sachen industrielle Fertigung. Nun heißt es, diese mit dem Thema Digitalisierung zu verknüpfen. Dazu müssen die richtigen politischen Weichen gestellt werden.

Seit 2018 bist Du Bundesvorsitzende des Verbands DIE JUNGEN UNTERNEHMER. Warum machst Du das, welche Themen umtreiben Euch gerade und welche Ziele hast Du bisher erreicht, wo siehst Du noch Potential?

Sarna: Unser Verband ist in allererster Linie eine Chance, die deutsche Wirtschaftspolitik aktiv zu gestalten. Wir als junge Unternehmer sind unmittelbar von den politischen Entscheidungen betroffen. Und da braucht es die Stimme des Jungen Unternehmertums. Die Stimme der jungen Menschen, die gewillt sind, starke Unternehmen aufzubauen oder Traditionsunternehmen weiterzuführen. Da lohnt sich die aktive Mitarbeit im Verband – und sie ist wichtig. Unsere „Agenda“ ist breit gefächert. Überwiegend geht es um die richtigen Rahmenbedingungen für die deutsche Wirtschaft. In den letzten Monaten hat uns Corona-bedingt vor allem umgetrieben, Insolvenzen zu verhindern, sprich die Unternehmen und Arbeitsplätze zu erhalten. Potenzial sehe ich ganz klar noch in Themen wie Stärkung unseres Wirtschaftsstandortes und Themen rund um Nachhaltigkeit. 

Unternehmertum steht für viele Menschen auch dafür, eine besondere Verantwortung für die kommenden Generationen zu übernehmen. Für welche Themen fühlst Du Dich verantwortlich, welche liegen Dir am Herzen?

Sarna: Vor allem ist es die Soziale Marktwirtschaft und die bestmöglichen Rahmenbedingungen für Unternehmertum, für die ich mich einsetze. Generationengerechtes und nachhaltiges Handeln spielt eine große Rolle. Nachhaltiges Denken und Handeln liegt in der DNA von uns Familienunternehmern. Für mich bedeutet es, dass wir unser heutiges Handeln so ausrichten müssen, dass wir damit zukünftigen Generationen nicht schaden. Keine Generation darf auf Kosten der anderen Generation leben. Ich finde es verantwortungslos, wenn zukünftigen Generationen massive Lasten aufgebürdet werden – egal ob durch horrende Staatsverschuldungen oder durch die Verschwendung natürlicher Ressourcen. In meiner Funktion als Bundesvorsitzende des Verbands DIE JUNGEN UNTERNEHMER setze ich mich vor allem für die Themen der jungen Generation ein, denn diese müssen auf die politische Agenda.

Letzte Frage: Agiert die Startup-, aber auch die Mittelstands-Welt ausreichend verantwortungsbewusst im Anbetracht der großen Herausforderungen wie der digitalen Transformation oder noch größer gedacht, dem Klimawandel?

Sarna: Einerseits haben sich sowohl der Mittelstand als auch Startups ökologische und soziale Nachhaltigkeit sowie Digitalisierung schon längst auf die Fahne geschrieben. Dass es zeitweilig noch an der Umsetzung hapert, liegt an der Komplexität des Themas. Wenn es so einfach wäre, wären wir jetzt schon vollständig digital und klimaneutral aufgestellt. Es sind aber teilweise langwierige Prozesse, die nicht von heute auf morgen umgestellt werden können. Wir haben eine große Verantwortung im Hinblick auf künftige Generationen, sodass wir jetzt alles daran setzen, sie mit bestmöglichen Rahmenbedingungen auszustatten.

Vielen Dank, liebe Sarna, für das Interview. Wir freuen uns sehr über deine Expertenmeinung zum Thema Unternehmertum, die wir voll und ganz teilen! Wir schätzen dein Engagement in der Startup- und Entrepreneurship-Welt sehr.

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