Interview Oliver Hanisch Heilbronner Stimme

“Wir brauchen nicht das nächste Silicon Valley”. Wie Oliver Hanisch, Geschäftsführer der Campus Founders, eine Gründerkultur in der Region etablieren will.

Redakteur & Fotograf der Heilbronner Stimme ist Christian Gleichauf

 

Oliver Hanisch ist mehrfacher Unternehmensgründer, hat 15 Jahre im Sili- con Valley verbracht und ist seit gut einem Jahr Chef des Gründungszentrums Campus Founders auf dem Bildungscampus. Im November hat die Einrichtung neue Räume im Forumsgebäude bezogen. Wer sie betritt, befindet sich in einer neuen Arbeitswelt.

Es sieht hip aus hier. Alles etwas anders als im typi- schen schwäbischen Büro.
Oliver Hanisch: Gefällt es Ihnen, ja? Seit November sind wir hier, und wir sind sehr zufrieden. Als hip würde ich es nicht beschreiben, sondern offen und kommunikativ. Es ermöglicht, mit anderen Leuten in Kontakt zu kommen. Bei den Campus Founders geht es darum, das richtige Umfeld zu schaffen, in dem sich etablier te Firmen und Gründer oder Studenten gegenseitig befruchten. Es geht ums Netzwerken, um Kommunikation. Das ist der Rahmen dafür.

Sie sind aus dem Silicon Valley zurückgekommen. Was ist Ihnen hier besonders aufgefallen?

Hanisch: Ich habe natürlich ein anderes Deutschland vorgefunden als das, was ich vor 15 Jahren verlassen habe. Man sieht das besonders in Heilbronn am Bildungscampus. Hier passiert etwas, das einzigartig ist. Ich weiß nicht, ob das den Menschen in der Region so bewusst ist. Mit der Perspektive von außen ist das spektakulär. Trotzdem: Als ich weggegangen bin, war ich stolz auf die Stärken dieses Deutschlands und habe den Blick für die Schwächen der USA gehabt. Jetzt geht es mir genau andersrum.

Wo liegen die Unterschiede?

Hanisch: Es gibt erst einmal überraschende Ähnlichkeiten. Hier wie dort wird hart gearbeitet. Hier wie dort ist es verhältnismäßig teuer, Wohnraum ist knapp und vieles ist technologie-getrieben. Die Menschen leben jeweils gewis- sermaßen in ihrer Blase. Aber die Verwurzelung ist hier größer. Und die Menschen hier sind rela- tiv zufrieden, dort ziemlich hungrig.

Was sollten wir vom Silicon Valley lernen?

Hanisch: Man sieht dort sehr gut, wie schnell Fortschritte erreicht werden können. Das hat viel zu tun mit der Einstellung der Menschen, die glauben, dass alles möglich ist. Man probiert Dinge aus, man riskiert etwas, um neue Werte zu schaffen. Und das tun diese Leute nicht, weil die Rahmenbedingungen so perfekt sind, sondern oft in schwierigen Situationen. Die Rezession ab 2008 war genau die Zeit, als viele der Start-ups gegründet wurden, die wir uns heute zum Vorbild nehmen.

Sie sagen, das Silicon Valley ist gar nicht so ein cooler Ort, wie sich das viele vorstellen?
Hanisch: Genau. Auch das Silicon Valley ist alles andere als hip. Und wir brauchen sicher nicht das nächste Silicon Valley hier. Aber sogar das Land Baden-Württemberg hat verstanden, dass da drüben etwas ist, das funktioniert und von dem wir lernen können. Das muss hier nicht genauso funktionieren. Aber wir sollten es uns genau anschauen und überlegen, welche guten Ansätze wir übernehmen oder anpassen können.

Wie kriegen Sie die Entwicklung hier zum Laufen?

Hanisch: Grundsätzlich verstehen wir uns als Bildungseinrichtung, sogar als gemeinnützige. Wir bilden interessierte Menschen aus in Richtung Unternehmertum und Innovation. Dabei probieren wir sehr viel aus, wir reden von Labs, also Laboren. Im Academic Lab etwa geht es in erster Linie darum, unternehmerisches Denken und Handeln zu vermitteln. Das richtet sich vor allem an Studierende, ist aber für jeden offen.

Wer kommt sonst zu Ihnen?

Hanisch: Es gibt nicht den einen Weg, nicht die eine Zielgruppe. Studierende kommen zu uns, Professoren holen sich Unterstützung. Firmen und ihre Mitarbeiter kommen zu Veranstaltun- gen. Oder eben auch Gründer und Menschen, die ein Unternehmen gründen wollen. Es ist ganz unterschiedlich.

Aber Sie wollen auch, dass sich junge Start-ups hier einquar tieren?

Hanisch: Ja, hier bei uns im Campus-Lab. Wir sind aber kein Vermieter von Schreibtischen. Interessenten dürfen sich um eine Mitgliedschaft bewerben. Dabei spielt eine entscheidende Rolle, ob wir helfen können und welchen Beitrag je- mand für unsere Community leisten kann. Es soll ein Geben und Nehmen sein – die Amerikaner nennen es paying it forward und giving back. Man kann die Hilfe, die man bekommt, oft nicht direkt zurückzahlen. Aber man kann dann irgendwann anderen weiterhelfen. Das Ziel ist ein Ökosystem, das Neues entstehen lässt. Start-ups, die hier bei uns an ihren Geschäftsideen arbeiten können, dabei sowohl die Räumlichkeiten als auch die Expertise unserer Coaches und Mentoren nutzen. Wir begleiten diese Gründer auf ihrer unternehmerischen Reise.

Da kommt dann Ihre Erfahrung zum Tragen. Wie oft ist Ihr Rat gefragt?

Hanisch: Er fahr ung hilft immer. Aber meine Meinung ist nicht entscheidend. Wir zeigen, wie man systematisch das Experiment Unterneh- mensgründung angeht. Dabei gilt es, Hypothesen zu validieren oder eben zu widerlegen. Auf deutsch: Man muss rausgehen, mit Kunden sprechen, schauen, ob ein Produkt am Markt funktioniert. Build – measure – learn: Man baut etwas, dann testet man, dann verbessert man. Oft kommt uns da die deutsche Gründlichkeit in die Quere. Man möchte erst mit einem perfekten Produkt rausgehen. Aber dann ist es mitunter schon zu spät, und man hat keine Chance mehr, etwas zu korrigieren oder hat am Bedarf vorbei entwickelt.

Wie viel Zeit geben Sie sich für die ersten Erfolge?

Hanisch: Boulder, Colorado, eine Stadt von der Größe Heilbronns, war früher nur Wintersport- Fans bekannt. Innerhalb von 20 Jahren wurde es zum Startup-Zentrum und rangier t heute auf Platz 21 der globalen Startup-Ökosysteme. Kulturveränderung braucht eben Zeit, erste Er folge werden sich natürlich früher einstellen. Aber viele Firmen, auchWeltmarktführer wie wir sie hier haben, machen sich Gedanken, weil die Produktlebenszyklen kürzer werden oder der Markt sich komplett ändert. Optimierungen reichen nicht mehr aus. Es braucht neue Herangehensweisen und innovative Impulse von außen. Wir wollen dafür erster Anlaufpunkt in der Region werden.

Die Dieter-Schwarz-Stiftung schafft dafür die Bedingungen. Ende 2022 soll der imposante Neubau neben dem TUM-Turm stehen.

Hanisch: Ein attraktives Gebäude an diesem tollen Standort hilft sicher. Genauso wichtig ist der Austausch mit den anderen Einrichtungen hier in der Region. Wir investieren unsere Energie und Engagement darauf, für Startups und interessierte Gründer die besten Rahmenbedingungen zu schaffen, so dass diese sich hier niederlassen, durchstarten und als Leuchtturm wirken.

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