Interview Lina Timm

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Wie ist das letzte Jahr für die Medienbranche ausgefallen, welches Fazit kann gezogen werden?

Ich kann natürlich nur für mein Spezialgebiet, Innovationen, sprechen. Meiner Meinung nach hat sich die Medienlandschaft noch mehr gespalten. Die einen, die gut klar gekommen sind, weil sie die letzten Jahre schon Innovations-Know-How und Kapazitäten aufgebaut haben, sowie der NDR oder die ZEIT, und schnell reagieren konnten.

Und dann gibt es die anderen. Das ist der größere Teil, der überfordert davon zu sein scheint, zu überleben. Die sind anscheinend mit den Auswirkungen von Corona, wie der Organisation von Homeoffice und wegbrechenden Werbegeldern, schon so gut ausgelastet, dass gar nichts richtig Neues mehr kommt.

 

Die Medienbranche ist die Branche, von der digitale Transformation zuerst umgesetzt wurde. Warum scheint es trotzdem bis heute keinen klaren Plan zur Nutzung der digitalen Möglichkeiten zu geben?

Die einfachste Antwort ist, weil das Bedürfnis nicht groß genug war. Man muss aber deutlich zwei Teilbereiche beim Thema Digitalisierung unterscheiden.

Es gibt die interne, die New Work Diskussion. Grundsätzlich hat die Arbeit funktioniert und es gab keinen ernsthaften Bedarf etwas zu ändern. Es hat mich beeindruckt, wie schnell und gut in den Medienhäuser die Umstellung auf Homeoffice abgelaufen ist.

Auf der anderen Seite steht das Offensichtliche: digitale Produkte für Nutzer*innen auf- und ausbauen. Im Analogen läuft alles gut genug, um wirklich Druck für Innovationen zu verspüren. Im Gegenteil  – der Informationsbedarf und der Konsum steigen. Unsere Medienbranche hat noch nicht verstanden, dass Menschen wechseln, wenn die Produkte besser sind. Das sehen wir seit Jahren an sozialen Plattformen. Wenn eine neue auftaucht, die halbwegs gut ist, wechseln die Nutzer*innen und kriegen im Zweifel keine Nachrichten oder nur Fake News mit, weil News-Anbieter sich diesen Ausspielwegen schneller anpassen.

 

Anfang des Jahres gab es den Clubhouse-Hype. Wie innovativ ist Clubhouse und warum funktioniert es?

Ich finde sie innovativ. Audio-Only als USP. Eine solche Reduktion trauen sich wenige, aber so funktionieren die besten Startups: Fokus auf eine Sache und die richtig gut.

Bei Clubhouse wurde klug zusammengestellt, was bei anderen funktioniert hat, wie zum Beispiel das Onboarding über Einladungen. Sie haben aber auch optimiert. Das soziale Miteinander hat einen hohen Stellenwert: “Jemand ist da, heißt ihn willkommen.” Auch “Leave quietly” ist nicht zu unterschätzen, weil es impliziert, dass es okay ist, jederzeit den Raum zu wechseln, ohne unhöflich zu sein.

Der Hype lässt sich vielleicht zusätzlich auch mit dem richtigen Timing erklären. Hätten nicht alle im Lockdown gesessen und mehr zu tun gehabt, wäre das nicht so abgehoben. Funfact: Vor vier Jahren gab es ein Team in Bayern, das an einer sehr ähnlichen Idee gearbeitet hat. Aber die waren halt vier Jahre zu früh.

 

Wenn generell viel über Digitalisierung, Digitale Transformation gesprochen wird, gibt es häufig auch disruptive Entwicklungen in einer Branche. Ist das in der Medienbranche noch zu erwarten?

Ja, aber das passiert graduell. Ich bin mittlerweile nicht mehr überzeugt von dem Begriff Disruption. Wenn man im Nachhinein zurück schaut, wirkt es so, aber währenddessen ist es nicht disruptiv.

Mein Lieblingsbeispiel hierzu ist Netflix. Ich glaube, der Streamingmarkt wird als disruptiv gegenüber allem Vorangegangen angesehen. Aber Netflix war nicht immer, wie es heute ist. Sie haben vor zehn Jahren mit dem Versand von DVDs angefangen und sind relativ langsam gewachsen. Wenn man jetzt, im Vergleich zum Fernsehen vor 20 Jahren, darauf schaut, ist es disruptiv.

Das wird auch in der Medienbranche kommen. Graduell wird sich die Tageszeitung abschaffen. Darüber reden wir seit zehn Jahren und in zehn Jahren schauen wir 20 Jahre zurück in sagen „Krass da gab’s irgendwie tägliche gedruckte Zeitungen, was fürn Quatsch, braucht doch niemand.“

 

Woran scheitern in Deutschland die meisten Innovationen im Medienbereich? Wo sind die Hemmnisse, vielleicht auch strukturell?

Jemand von Axios Media, einer Nachrichtenseite, hat mal gesagt, dass Journalist*innen Menschen sind, die über Sachen berichten, die passiert sind und die Stories nicht erfinden. Das fand ich einen interessanten Gedanken, weil es zeigt, dass Journalist*innen ganz viele Qualitäten haben, aber „erfinden“ gehört nicht dazu.

Jetzt sollen sie innovativ sein und doch etwas erfinden. Deswegen glaube ich, dass sich dieser Berufsstand hier schwer tut. In der Industrie, zum Beispiel in der Automobilbranche, ist das anders. Hier ist es normal, dass circa alle zwei Jahre neue Modelle auf den Markt kommen, Erfindertum ist Alltag und wird von den Kund*innen auch so “erwartet”.

Doch es liegt nicht nur am Mindset der Mitarbeiter*innen, sondern auch an der Ignoranz der Führung. Oft gibt es keine klare Strategie und wenig Weitsicht. Man muss sich um Innovationskultur und die Menschen kümmern, ihnen Werkzeuge an die Hand geben und sie befähigen.

 

Aber wo genau muss das Mindset geändert werden?

Überall. Tatsächlich, sehen wir sehr viele jüngere Leute, die schon anders denken. Nur werden ihnen oft Schranken gesetzt, weil das Management es nicht ernst genug nimmt. Es gab genügend Situationen, in denen eine Führungsperson sagt: „Wir müssen jetzt innovativ sein“ und gleichzeitig jede Woche nach den Print Auflagenzahlen fragt und warum, die nicht steigen.

Dann glauben die Mitarbeiter*innen nicht, dass jetzt Innovation Priorität hat, sondern offenbar Print. Sie halten dann daran fest, dass erfinden nicht ihre Aufgabe ist. Klar ist es herausfordernd, alles gleichzeitig zu machen und natürlich wird mit Print und auch Fernsehen noch genug verdient, als dass man jetzt sagen könnte wir lassen das. Das Management muss verstanden haben, was das Ziel ist und es vorleben. Am Ende ist der Kern tatsächlich eine Mindset-Geschichte mit ganz viel Struktur dahinter.

 

Gibt es in dem Bereich ein Projekt, das besonders hervorzuheben ist, das in letzter Zeit durch das Media Lab angeschoben wurde?

Wir haben mittlerweile zwei Labs, das Media Lab in München und das in Ansbach. Das Ansbacher Lab ist strategisch auf Studenten ausgerichtet. Damit wollen wir Studierende im Medienbereich ansprechen, um die Innovations-Elite von Morgen zu schaffen.

Dort gibt es ein Projekt, das Innovation-Traineeship heißt. Es gibt momentan viele Absolvent*innen, die keinen Job finden und gleichzeitig viele Medienhäuser, die keine Zeit haben, Innovationsarbeit zu machen. Wir haben Absolvent*innen gesichtet. Die arbeiten jetzt für sechs Monate in einem Medienhaus auf einer Stelle, die durch Fördergelder von uns finanziert wird. Diese Gelder sind dezidiert auf Innovationsprojekte bezogen. Wir bringen den Absolvent*innen Methoden bei und tauschen uns regelmäßig aus, aber sie arbeiten in Projekten der Medienhäuser. Das ist sehr gut angelaufen, sowohl Partner als auch Trainees sind begeistert. Irgendwann dieses Jahr wird es eine zweite Ausschreibungsrunde dazu geben.

 

Welcher Teil der Medien ist am innovativsten?

Ich glaube, angefangen haben die Zeitungsverlage, nicht die Zeitschriftenverlage, weil es ihnen schlecht genug ging. Dann kam das Privatfernsehen, als Streaming boomte. Daraus sind JOYN und TV NOW entstanden. Jetzt kommen langsam die öffentlich rechtlichen Sender nach. Da entstehen mittlerweile gute Projekte, wie das Audio Lab vom NDR, das SWR Lab oder IDA vom MDR und ZDF.digital

Erst dann kommt gefühlt der ganze Rest, was zum Teil auch eine Geldfrage ist. Radio hat es finanziell schon immer schwer gehabt, gerade die Lokalradios.

 

Wer oder was könnte die medialen Innovationen beflügeln? Werden VR und UX eine große Rolle spielen?

VR, meiner Meinung nach, momentan nicht unbedingt, vielleicht irgendwann. Hier ist der Aufwand noch zu groß, um sich für aktuellen Journalismus zu eignen. Das ist eher für Museen und ähnliches eine relevantere Technologie.

Ich finde, alles was sich an Technologien neu entwickelt und zur Informationsvermittlung eignet, ist grundsätzlich spannend. Theoretisch ist das in meinen Augen für die Medienlandschaft künstliche Intelligenz. Damit kann alles automatisiert werden, wenn man es denn hinkriegt. Gerade Richtung Bilderkennung gibt es viel Interessantes und in verschiedensten Medienbereichen war Texterkennung während der letzten Jahre schon stark. Die besten oder besser gesagt die disruptivsten und innovativsten Unternehmen, haben eine Technologie gewählt und sich gefragt: “Was können wir? Wo gibt es potentielle Einsatzmöglichkeiten?”

 

Die Campus Founders beschäftigen sich bei der Ausbildung von  Gründer*innen stark mit dem Thema “Werten”. Wie wichtig ist das Thema bei euch und lasst ihr das vielleicht sogar auch in die Ausbildungen mit einfließen?

Ja. (lacht) Wir befassen uns intern damit und geben es auch weiter. Vor kurzem ist mir während eines Teambuilding-Workshops klar geworden, vielleicht sogar das erste Mal so richtig, dass gemeinsame Werte und Visionen die Grundlage für vernünftiges Arbeiten sind. Es vereinfacht viele der Dinge, auf die es ankommt. Das muss eine hohe Priorität haben und immer wieder Thema sein. Allen, die neu ins Team kommen, sollten die grundlegenden Unternehmenswerte als erstes an die Hand geben werden.

Bei uns sind das “Wir feiern Innovation” und “Wir feiern jeden Menschen, der zu uns kommt und irgendwas im Medienbereich machen will, weil er vorher genügend Skeptiker um sich hatte, die ihn/sie nicht verstanden haben”. Wir sind die, die den ersten Schritt finden. Dann setzen wir alles in Bewegung, um zu helfen. Auf dieser Basis wird jede Entscheidung getroffen.

Für Gründer*innen haben wir diese Blöcke in den Teambuilding-Workshops drin. Für viele ist oft nicht so klar, wie wichtig eine Vision ist, wo sie hin und was sie sein wollen. Da schließt unsere Vision an. Wir helfen, indem wir das ins Bewusstsein rufen und zeigen, wie sie da hinkommen.

 

Das Thema Unternehmenswerte ist oft eng mit dem Thema Vorbildern verknüpft. An wem können sich  junge Gründer*innen orientieren? Welche Person ist denn vielleicht besonders innovativ?

Innovativ ist mich nicht zwingend ein Wert, sondern eher eine Vision. Wenn man es als Wert betrachtet, gehört auch Diversity dazu. Wie treten wir Kunden gegenüber auf? Wie gehen wir im Team miteinander um?

Die Frage ist schwierig zu beantworten, da man sehr oft gar nicht erkennen kann, welche Werte ein Unternehmen explizit hat, weil das oft etwas Internes ist. Nehmen wir Amazon als Beispiel: Die sind extrem nutzerzentriert. Das merke ich als Kunde in allem, was ich dort tue – Angefangen beim einfachen Bestellprozess bis zu den unkomplizierte Rückgabeoptionen. Kundenzufriedenheit ist sicherlich ein Wert, den das Team hat. Ich glaube, ob ich die Werte nach außen spüre, ist ein Kennzeichen dafür, wie gut sie verankert sind.

Aber mir fällt es schwer, eine Person zu nennen, da man dafür die Unternehmen sehr genau kennen müsste, um zu sagen „Hey, der/die hat super Werte und ist deswegen Vorbild.“

 

Wie kann man offen für Neues und innovativ bleiben oder woraus kann man Inspirationen schöpfen?

Innovation gehört zu meiner DNA. Ich hinterfrage alles, um Platz für Neues zu schaffen. Das macht mein Team regelmäßig fertig. Aber Dinge neu zu denken, ist für mich der Ursprung der Innovation: Macht das so für jemanden Sinn, der es noch nicht kennt und das erste Mal draufschaut? Da fallen Schwächen auf. Ich glaube, Innovation ist auch irgendwie ein konstanter Optimierungswahn. Ich denke oft “Nee, nee, die Welt hat sich weitergedreht. Das können wir optimieren. Denn wenn wir es heute genauso machen, ist es Standard. Ich will aber keinen Standard, ich will es besser machen.

Entscheidungen spielen in diesem Zusammenhang hier eine große Rolle: Wie schaffen wir es, dass sie nicht ständig zurückgenommen werden und wenn doch, zumindest transparent ? Wie schaffen wir es, bei einer Entscheidung zu bleiben, wenn wir eine bessere Idee haben?

Ansonsten lese und höre ich viel und schaue mir Sachen an, die das Hirn nebenbei füttern und Inspiration bieten. Normalerweise beziehe ich meine Inspiration auch daraus, mit anderen Menschen zu reden. Das klappt allerdings ohne Konferenzen im Lockdown nicht so gut. Das aufzusaugen, was andere Menschen machen startet bei mir immer Verknüpfungsprozesse: „Das können wir doch auch mal machen.“

Über Lina Timm:

Lina Timm unterstützt als Geschäftsführerin der Medien.Bayern GmbH die digitale Transformation der Medienbranche. Nach ihrer Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule hat sie für die FAS, ZEIT, ProSieben und ARTE gearbeitet. 2015 gründete sie das Media Lab Bayern, das heute an zwei Standorten in München und Ansbach Talente und Startups bei der Entwicklung von Innovationen in den Medien fördert. Neben dem Media Lab gehören zur Medien.Bayern GmbH heute auch das Standortmarketing XPLR:Media in Bavaria, die Ausbildungsinitiative Start into Media, das MedienNetzwerk Bayern, die Medientage München und der XR Hub Bavaria.

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